Zardonic auf der Bühne, Maske frontal, venezolanische Flagge am Arm

Zardonic im Porträt: fünf Alben, Sega, Mayhem und das Amen Endgame

Zweiter Teil unserer Artist-Portrait-Reihe, und diesmal mit jemandem, dessen Musik in einem Wrestling-Ring, in einem Sonic-Spiel und auf Festivalbühnen von Moskau bis Tschechien läuft. Zardonic hat uns siebzehn Fragen beantwortet, ausführlicher, als wir zu hoffen gewagt hatten. Über die Maske, über das Alleinmachen, über ein Album, das ihm selbst Angst macht, und über einen Satz zur Raubkopie, den die meisten Produzenten so nie öffentlich sagen würden.

Und ja, über die Amen Machine auch. Aber der Reihe nach.

Wer hinter der Maske steckt

Federico Augusto Ágreda Álvarez, geboren 1985 in Barquisimeto, Venezuela. Angefangen hat er nicht im Drum and Bass, sondern im Black Metal: als Gorepriest veröffentlichte er 2003 War Against Humanity und wurde bei den Premios Metal Hecho en Venezuela als bester Keyboarder ausgezeichnet. Das Projekt Zardonic gibt es seit 2004.

Was seitdem passiert ist, liest sich wie eine Liste, die nicht recht zusammenpassen will und genau deshalb stimmig ist. Fünf Studioalben: Vulgar Display of Bass (2012), Antihero (2015), Become (2018), Superstars (2023) und in diesem Monat DIGICIDE. Verträge bei Entertainment One, JVC Kenwood Victor, Owsla, Human Imprint und MMC Records. Platz eins der Beatport-Drum-and-Bass-Charts, Platz eins der Deutschen Alternative Charts, Bester Produzent bei den Drum & Bass Awards Germany.

Remixe für Fear Factory, Bullet for My Valentine, Hypocrisy, Noisia und Hocico. Dazu die Arbeit, die man hört, ohne den Namen zu lesen: das Titelthema von AEW Revolution auf TNT, die Erkennungsmusik der World Series of Fighting auf NBC Sports, Soundtracks für Superhot: Mind Control Delete und Redout 2. Und zuletzt zwei Stücke für Sonic Racing: CrossWorlds.

Das mit Sega war ihm sichtlich wichtig:

Ich war immer ein Sega-Kind, und mit demselben Team arbeiten zu dürfen, das die Spiele meiner Kindheit entwickelt hat, war eine große Ehre für mich.

Die drei Momente, die den Ausschlag gaben

Auf die Frage, welche zwei oder drei Momente wirklich etwas verändert haben, nennt er zuerst einen Auftritt, den viele hier nicht auf dem Zettel hätten:

Der erste große Moment war für mich der Auftritt bei der Pirate Station Revolution 2013 in Moskau. Das war wirklich ein Davor und Danach für meine Laufbahn, weil meine Musik zum ersten Mal vor einem größeren Publikum lief. Danach fingen andere Veranstalter an, aufmerksam zu werden.

Daraus wurden Beats for Love und Let It Roll in Tschechien. Der zweite Moment war kein Auftritt, sondern ein Umzug: das Verlassen Venezuelas und der Plattenvertrag bei Entertainment One, heute MNRK Music. Der dritte war Sega.

Warum ausgerechnet Drum and Bass hängen geblieben ist

Er hat vieles parallel versucht. Seine eigene Erklärung dafür, warum am Ende dieses eine Projekt übrig blieb, ist angenehm unheroisch:

Das ist eine gute Frage. Aber ich bin mir nicht sicher, warum. Ich habe verschiedene Projekte ausprobiert, weil ich mich auf unterschiedliche Arten ausdrücken wollte. Ich bin im Grunde durch fast das gesamte Spektrum der Musik gegangen, die ich mag, von Black Metal über Drum and Bass bis hin zu Minimal Techno, ob man es glaubt oder nicht.

Zardonic war schlicht das Projekt, das die meiste Aufmerksamkeit bekam. Seitdem ist es sein Name.

Die Maske, und warum sie eine Idee ist

Zardonic auf der Bühne, Maske frontal, venezolanische Flagge am Arm
Die Maske entstand aus einem Logo, das auf seinem eigenen Gesicht basiert. Am Arm die venezolanische Flagge. Foto: Martin Kuzyn

Die Maske basiert auf einem Logo, und das Logo basiert auf seinem eigenen Gesicht. Beides hat er selbst entworfen. Der Gedanke dahinter geht weiter, als man bei einer Bühnenmaske erwarten würde:

Ich wollte, dass die Leute sie sich merken. Ich wollte, dass das Projekt zu einer Idee wird, sie gewissermaßen unsterblich machen. Denn Menschen sind nun mal endlich. Ideen aber können ewig bestehen, solange sich Menschen an sie erinnern.

Ob sie heute noch dasselbe für ihn tut wie früher, weiß er selbst nicht genau. Die Antwort, die er stattdessen gibt, ist ein Zitat von Oscar Wilde:

Gib einem Menschen eine Maske, und er wird dir die Wahrheit sagen. Auf eine gewisse Weise erlaubt mir diese Maske, auf der Bühne ganz ich selbst zu sein. Wenn ich morgen verschwinden sollte, bleibt die Erinnerung an die Maske. Ich kann vergessen werden, während die Idee weiterlebt.

Einen Satz hat er dabei fallen lassen, den wir hier unkommentiert stehen lassen: die Idee sei innerhalb der Szene von etlichen anderen geklaut worden, und er sei sich ziemlich sicher, dass man wisse, wen er meint.

Ein Raum, der fast lineal-gerade ist

Sein Studio wurde von Dennis Busch von Acoustic Spaces entworfen und gebaut, derselben Firma, auf die unter anderem Rotor Film, Brainworx und Snipes zurückgehen. Zardonic nennt ihn ein absolutes Genie und beschreibt das Ergebnis als nahezu lineal-gerade im Frequenzgang. Obendrauf kommt ein Trinnov ST2 Pro zur Raumkorrektur.

Abgehört wird über zwei Quested V2108 mit einem SB10-Subwoofer. Die Begründung dafür ist eine, die man von Leuten mit langen Sitzungen öfter hört und selten so klar formuliert bekommt:

Ich mag die Wiedergabe der Quested wirklich sehr, weil sie mir hilft, in langen Sitzungen zu arbeiten, ohne dass die Ohren ermüden.

Für die Kopfhörerarbeit steht ein SPL Phonitor 2 im Rack, dazu OLLO Audio X1 und Dan Clark Audio Ether CX. Als DAW: FL Studio, und daran lässt er keinen Zweifel. Auf die Frage, was er zuletzt hergeben würde, kommt eine Antwort, die jeden Hardware-Fetisch erst einmal aushebelt:

Wenn ich am Ende alles verlieren würde, dann glaube ich, würde FL Studio auf meinem Rechner reichen, um weiterzumachen. Das und meine Ohren.

Warum er alles selbst macht

Zardonic im Profil hinter den Decks, mit Kopfhörern
Das Projekt Zardonic gibt es seit 2004. Foto: Martin Kuzyn

Produzieren, mischen, mastern: alles im eigenen Haus. Der Grund dafür ist kein Prinzip, sondern Unzufriedenheit:

Ich habe mich entschieden, alles selbst zu machen, weil ich nie zufrieden war, wenn es jemand anderes gemacht hat. Es passte nicht zu meiner Vorstellung. Entweder zu laut oder nicht laut genug, zu viel Dynamik oder zu wenig, zu viel Bass oder zu wenig. Also wurde mir klar: um das zu machen, was ich machen wollte, musste ich lernen, es selbst zu können.

Inzwischen arbeitet er hauptberuflich als Tontechniker für andere Künstler. Die eigene Klangsignatur, die er ursprünglich nur für sich entwickeln wollte, funktioniert offenbar auch für andere.

Metal und Drum and Bass in einem Mix

Technisch ist der Konflikt konkret, und er benennt ihn präzise: viel Metal habe so gut wie keinen Subbass, was ihn stört, weil dort viel möglich wäre. Im Drum and Bass sei dagegen im Subbereich oft so viel los, dass für den Rest kein Platz bleibt.

Interessanter wird es, wenn man ihn nach dem kulturellen Teil fragt. Da wird aus einer Mischfrage eine Haltung:

Ich habe immer versucht, den Stamm abzulehnen. Ich verstehe Stammesdenken wirklich nicht, oder warum irgendjemand meinen sollte, dass das eine nicht mit dem anderen gemischt werden darf. Metal-Puristen oder Drum-and-Bass-Puristen sind für mich so etwas wie politische Radikale.

Und direkt hinterher der Teil, der die Sache ehrlich macht:

Manche mögen es, manche nicht. Das ist ebenso ihre Freiheit. Ich nehme es niemandem übel, wenn ihm nicht gefällt, was ich mache, aber ich schulde auch niemandem eine Erklärung. Ich mache es, weil ich es machen muss.

DIGICIDE, das schwerste Album

Das fünfte Studioalbum erscheint diesen Monat bei MMC Records und handelt von Algorithmen, Überwachung und Manipulation. Es begann mit monatelanger Recherche, und was er dabei gefunden hat, hat das Thema verschoben:

Was ich nicht wusste: dass ich in einem Kaninchenbau landen und feststellen würde, dass all das nur Symptome von etwas viel Größerem sind, nämlich der Geschwindigkeit von Information. Je schneller Information sich verbreitet und je stärker sie verstärkt wird, desto schwerer wird es, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Und leider ist die Wahrheit in der Online-Kommunikation stark im Nachteil.

Zur Künstlichen Intelligenz hat er eine Beobachtung, die das Dilemma auf den Punkt bringt: sie könne helfen, Falschinformation zu filtern, lasse sich aber ebenso manipulieren, und die vorgeschlagene Lösung dafür sei wiederum mehr Künstliche Intelligenz. Am Ende steht ein Satz, den man von ihm so nicht erwartet:

Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich ein Album gemacht habe, das nicht bestärkend, erhebend oder positiv ist. Es ist ein Album, das die dunkelsten Teile der menschlichen Verfassung konfrontiert. Und das anzunehmen, ist schwer, weshalb die meisten von uns sich weigern, das eigene Gesicht darin wiederzuerkennen.

Für die Gästeliste hat er sich Leute geholt, die in ihren eigenen Szenen Legendenstatus haben: Dino Cazares von Fear Factory, Charles Hedger von Mayhem und MC Coppa. Sein eigener Kommentar dazu erklärt das Album besser als jede Pressemitteilung:

Stell dir ein Album vor, auf dem jemand wie Coppa neben Mitgliedern von Fear Factory und Mayhem auftaucht. Darauf wäre nie jemand gekommen. Aber für mich ist das eine, was wir alle gemeinsam haben, dass wir Menschen sind. Die Menschheit hat viel mehr gemeinsam, als wir denken.

Die Amen Machine in seinem Ablauf

Jetzt der Teil, bei dem wir befangen sind, und wir sagen das dazu. Wir haben ihn gefragt, wo die Amen Machine in seinem Ablauf sitzt. Seine Antwort:

Die Amen Machine war maßgeblich an vielen meiner neueren Amen-Breaks beteiligt. Ich hatte einen sehr, sehr großen Amen-Ordner, den ich über die Jahre angelegt hatte, zusammen mit Breaks von anderen Produzenten. Es ist so ein allgegenwärtiger Klang, dass ich nie richtig davon loskam.

Zardonic

Und dann der Satz, über den wir uns ehrlich gefreut haben:

Ich glaube, ich habe noch nie ein Plugin gesehen, mit dem ich an einem Ort auf so viele verschiedene Arten einen Amen-Break zerlegen kann. Geniales Zeug.

Zardonic

Auf die Nachfrage, was das Gerät kann, was seine bisherige Arbeitsweise nicht konnte, nennt er nicht ein einzelnes Merkmal, sondern den Zeitgewinn:

Man kommt von den üblichen, klassischen Bearbeitungstechniken bis zu völlig neuen und unerwarteten Ansätzen, alles in derselben Umgebung. Das macht den Vorgang deutlich schneller. Zeit ist für uns alle eine sehr endliche Ressource. Je schneller wir also eine Idee aus dem Kopf in ein fertiges Ergebnis übersetzen können, desto besser.

Werkzeuge, und ein unbequemer Satz zur Raubkopie

Gefragt nach den Werkzeugen, die für ihn feststehen, nennt er Pigments und PhasePlant, fast alles von Arturia und GForce, das Magnetismus-Rack von Tegeler, einen Polivoks Pro, Module von Error Instruments, einen Prophet 10 und einen OB-6.

Dann dreht das Gespräch in eine Richtung, mit der wir nicht gerechnet hatten. Software habe die Musikproduktion demokratisiert, weil sie Menschen in Ländern mit geringerer Kaufkraft überhaupt erst Zugang verschafft habe. Und daraus wird eine Ansage:

Ich glaube, viele Leute haben ihr eigenes Privileg nicht ausreichend bedacht. Es gibt zu viel Hardware-Elitismus, und am Ende des Tages muss man sich daran erinnern, dass der Kauf eines Synthesizers, selbst eines sehr günstigen, ein Privileg ist, das Länder wie Venezuela nur sehr selten hatten.

Er erzählt, dass seine Familie in einem gehobenen Viertel wohnte und selbst ein billiger M-Audio-Controller außer Reichweite war. Und dann kommt der Satz, den die wenigsten so öffentlich sagen würden:

Versteht mich nicht falsch, heute besitze ich keine einzige Software, die nicht ordentlich bezahlt wurde. Aber ohne die ganzen Raubkopien von damals hätten viele Menschen auf der Welt nie angefangen, Musik zu machen. Mir ist klar, dass diese Schlussfolgerung spaltend sein könnte, aber sie ist die Wahrheit. Und sie nicht anzuerkennen, wäre scheinheilig.

Wir verkaufen Software. Wir hätten den Absatz weglassen können. Wir lassen ihn drin, weil er der ehrlichste im ganzen Gespräch ist.

Was er Anfängern mitgibt

Zum Schluss haben wir gefragt, was er jemandem sagen würde, der heute anfängt und keine Szene um sich herum hat. Die Antwort beginnt mit einem Satz, der aus der Bhagavad Gita stammen könnte:

Du hast ein Anrecht auf dein Handeln, aber nicht auf die Früchte deines Handelns. Du kannst so viel versuchen, wie du willst, aber ob die Leute mögen, was du machst, ist völlig zweitrangig. Du musst dich in den Vorgang und in das Ergebnis selbst verlieben, nicht in die Reaktion darauf.

Ich glaube nicht, dass wir uns so sehr darauf konzentrieren sollten, eine Szene zu schaffen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, echt zu sein und uns so weit wie möglich zu zeigen. Irgendwann, mit etwas Glück, kommt eine Reaktion. Sie kann positiv oder negativ sein, aber sie ist eine Reaktion. Solange du weitermachst, findest du irgendwann die Menschen, bei denen es ankommt.


Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, die Zitate sind übersetzt. DIGICIDE erscheint im September 2026 bei MMC Records. Mehr zu Zardonic auf zardonic.net.

Die Amen Machine ist ein Slice-Sampler und Sequencer für Breakbeats. Die Demo hat den vollen Funktionsumfang.