Helge Ohlenbostel, alias Sonic Sirius

234 Soundsets, alle kostenlos: Helge Ohlenbostel im Porträt

Im Rahmen unserer neuen Artist-Portrait-Reihe möchte ich heute mit jemandem anfangen, dessen Arbeit ihr längst gehört habt, ohne seinen Namen zu kennen. Helge Ohlenbostel hat die 68 Presets für den Reecer gebaut. Und nicht nur die.

Helge Ohlenbostel, alias Sonic Sirius
Helge Ohlenbostel, unter dem Namen Sonic Sirius seit 2011 im Presetbau.

Unter dem Namen Sonic Sirius hat er inzwischen 234 Soundsets für 152 Synthesizer gebaut. Software und Hardware, vom Waldorf Blofeld über den Access Virus TI Snow bis zu Serum, Omnisphere und Pigments. Und jetzt kommt der Teil, der das Ganze ungewöhnlich macht: er verschenkt sie. Alle. Seit vierzehn Jahren, unter einer Lizenz, die auch die kommerzielle Nutzung erlaubt.

Von Beruf ist er gelernter Koch.

Eine Schallplatte, und dann war es entschieden

Angefangen hat es mit der Gitarre, akustisch und elektrisch, mit siebzehn. Verstärker, Effekte, Übungsraum. Der Bruch kam durch ein Geschenk:

Ich bekam mal eine Schallplatte von Klaus Schulze geschenkt und da wusste ich, das will ich auch machen. Ich kaufte mir dann einen Roland Synthesizer und spielte fleißig und nahm auch Samples von Science Fiction vom Video auf.

1998 kam der erste Computer. Davor lief alles über einen Vierspur-Kassettenrecorder. Dann folgten Jahre des Wartens, und diese Passage beschreibt die Zeit besser als jede Rückschau es könnte:

Irgendwie dauerte es noch einige Jahre, bis eine DAW funktionierte, die CPUs schnell genug waren und die Speicher größer wurden. Erst als Steinberg das VST-Format erfand, ging es schnell bergauf.

Ein Handbuch, dreißig Minuten am Tag

Irgendwann klangen die virtuellen Synthesizer gut genug. Dann kam der Waldorf Largo, und mit ihm der Gedanke, die Presets selbst zu bauen. Wie er sich die subtraktive Synthese beigebracht hat, ist die vielleicht unmodernste und beste Antwort im ganzen Gespräch:

Ich hab mit einem Waldorf-Largo-Handbuch angefangen und hab jeden Tag circa 30 Minuten das Handbuch gelesen und praktisch angewendet, bis ich wusste, was jeder Regler macht und wie er klingt. Da die Klangkombinationen sehr groß sind, dauert es seine Zeit, bis man das alles versteht.

Kein Kurs, kein Video, kein Abkürzungsversprechen. Ein Handbuch und ein halbe Stunde am Tag.

Was daraus geworden ist, liest sich wie ein Querschnitt durch zwanzig Jahre Softwaresynthese: Arturia, u-he, Xfer, Spectrasonics, Native Instruments, Rob Papen, Reveal Sound, Synapse Audio, Image Line, Waldorf, Korg, Novation. Die vollständige Liste seiner Auftraggeber und Instrumente ist so lang, dass sie hier den Beitrag sprengen würde, sie steht auf seiner Seite.

Der Arbeitsplatz, und warum die Kopfhörer weg mussten

Bürostuhl, Holzschreibtisch, ein montiertes Holzbrett für das Roland A-800 Pro. Davor eine vertikale Maus, daneben Yamaha HS 50M als Abhöre und ein Audient iD14 als Interface. Kein Hexenwerk, aber jedes Teil hat einen Grund.

Helge Ohlenbostel mit Kopfhörern im Studio
Jahrelang lief alles über den Beyerdynamic DT-990 Pro. Heute geht das nicht mehr.

Auf die Frage, ob er über Boxen oder Kopfhörer abhört, kam eine Antwort, die ich so nicht erwartet hatte:

Ich hatte jahrelang mit einem Beyerdynamic DT-990 Pro Kopfhörer Presets gemacht, der ist sehr bequem und man kann viele Stunden ohne heiße Ohren Musik machen. Ich bekam irgendwann einen Trigeminusnerv-Schmerz im Gesicht und musste dann auf die Abhörmonitore ausweichen.

Er erzählt das ohne Drama, als wäre es eine Randnotiz. Ist es nicht. Wer viele Stunden am Stück Sounds baut, kennt die Belastung, und hier hat sie einen Namen bekommen.

Wie ein Preset entsteht

Sein Ablauf ist geradlinig und fängt nie am Gerät an, sondern im Kopf:

Es fängt immer mit einer Idee an oder etwas, was man umsetzen will. Man sucht sich als Erstes im Oszillator eine Wellenform aus, die der Vorstellung am nächsten kommt, zum Beispiel für Trance-Sounds den Sägezahn. Dann kommt der Filter, dann die Hüllkurven und Modulationen wie LFO, als Letztes dann Effekte wie Hall, Delay, Chorus, um den Sound größer und weiter klingen zu lassen.

Fertig ist ein Preset für ihn, wenn zwei Fassungen existieren: eine Grundversion und eine, die druckvoller oder interessanter klingt. Und wenn alle Pegel unter null dB liegen. Bemerkenswert ist, was er über die Qualität sagt, denn es widerspricht dem, was man von Presetsammlungen kennt:

Grundsätzlich mache ich auch Basic-Presets, die nicht außergewöhnlich klingen, damit man sie im Song später verwenden kann. Wie ihr alle wisst, sind Nummer-eins-Hits eher selten. Das ist bei der Presetgestaltung bei Synthesizern nicht anders.

Ein Preset, das beim Durchklicken beeindruckt, ist nicht dasselbe wie ein Preset, das man in einem Track wirklich benutzt. Wer schon einmal eine Bibliothek mit 500 Sounds gekauft und dann drei davon verwendet hat, weiß, was gemeint ist.

Die 68 Presets für den Reecer

Rund dreißig Minuten pro Preset, ein bis zwei Stunden am Tag, nach zwei bis drei Wochen fertig. Auf die Frage, welches Preset ihm das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, kam eine Antwort, die ich hier ungekürzt stehen lasse, weil sie ehrlich ist und mich betrifft:

Kopfzerbrechen gab es nicht. Das Betatesten war nicht ohne, wenn Regler nicht das tun, was sie sollen, gibt es etwas Stress!

Das ist die freundlichste Art, einem Entwickler zu sagen, dass seine Beta noch Fehler hatte. Danke dafür, und Entschuldigung.

Sein Rat an alle, die anfangen wollen

Beruf kommt von Berufung. Ich würde immer sagen: ausprobieren und sehen, ob man dabeibleibt und einen das Fieber packt oder die Liebe zum Klang entflammt. Spielerisch lernen, nicht unterfordern und nicht überfordern. Es ist wie mit allen Instrumenten, man muss sich darauf einlassen und sich gedulden, jeden Tag spielen und üben, der Erfolg stellt sich dann von selber ein.

Wo ihr seine Arbeit findet

234 Soundsets, kostenlos, royalty-free auch für kommerzielle Projekte. Wenn ihr einen der 152 Synthesizer besitzt, für die er gebaut hat, stehen die Chancen gut, dass dort etwas für euch liegt.

Helge, danke für die 68 Presets und für die Geduld beim Betatesten.


Das war der erste Teil unserer Artist-Portrait-Reihe. Wir stellen hier Leute vor, deren Arbeit in unseren Plugins steckt oder die damit arbeiten. Wenn du selbst dazugehörst und Lust hast, schreib uns.