Flo Siller mit Kopfhörern an seinem Arbeitsplatz, auf dem Shirt steht No Music on a Dead Planet

Flo Siller im Porträt: The Mars Volta, Linux und der Pentode-Typ in OBERTON

Dritter Teil unserer Artist-Portrait-Reihe, und diesmal mit jemandem, dessen Name auf Platten von The Mars Volta, At The Drive-In, Peter Doherty, den Sportfreunden Stiller und den Ärzten steht. Flo Siller ist Mastering Engineer in Hamburg. Er hat die kompletten Kataloge von The Mars Volta, Omar Rodríguez-López und dem portugiesischen Liedermacher José „Zeca“ Afonso remastert, darunter das mit einem GRAMMY ausgezeichnete „Wax Simulacra“. Und er mastert unter Linux, was in seinem Beruf fast niemand tut.

Für uns kommt noch etwas dazu: drei Funktionen in OBERTON gibt es nur, weil Flo sie per Mail angefragt hat. Aber der Reihe nach.

Flo Siller mit Kopfhörern an seinem Arbeitsplatz, auf dem Shirt steht No Music on a Dead Planet
Flo Siller in Hamburg. Das Shirt ist Programm, dazu weiter unten mehr.

Flo Siller Mastering und das Soundgarden

Um Flo zu verstehen, muss man zuerst das Soundgarden kennen. Das Hamburger Studio wurde Anfang der Neunziger von Chris von Rautenkranz und Christian Mevs gegründet und hat eine ganze Ära geprägt: Blumfeld, Tocotronic und Die Sterne, also die Kernbesetzung der Hamburger Schule, haben dort gearbeitet. Chris von Rautenkranz konzentriert sich seit 2000 auf das Mastering. Der Leitsatz des Hauses ist bis heute derselbe: „We listen… since 1990.“

Seit 2015 arbeitet Flo dort als Mastering- und Produktionstechniker an der Seite von Chris von Rautenkranz, an Platten, die Gold und Platin geholt haben. 2019 kam sein eigenes Studio dazu: Flo Siller Mastering, mit dem Anspruch „planet-friendly“, also Master mit größtmöglicher musikalischer und kleinstmöglicher ökologischer Wirkung. Auf der Kundenliste stehen BMG, Sony Music, Universal und Warner neben über zwanzig unabhängigen Labels, dazu Namen wie Teri Gender Bender, Pantha Du Prince, WARGIRL, JEREMIAS und A$AP Twelvy.

Vom Walkman über den Waldrand nach Hamburg

Flo Siller lachend mit einem Kabel in der Hand
Angefangen hat alles mit Demo-Aufnahmen für die Bands aus dem Freundeskreis.

Auf die Frage, wie er zur Musik gekommen ist, nennt er zuerst einen Schuldigen:

Der Sony Walkman ist schuld! Schon als Kind konnte ich mich nicht vom Kopfhörer trennen und war verliebt. Die arme „Dangerous“-Kassette von Michael Jackson musste ganz schön herhalten.

Über das Skateboarding kam Mitte der Nullerjahre die Subkultur, dann Punk, HipHop und Noise. Die Thüringer Provinz, schreibt er, habe seinen Freundeskreis regelrecht in die Eigeninitiative geschubst. Es wurden Bands gegründet, und irgendjemand musste sich um die Aufnahmen kümmern:

Deshalb steckte ich all mein Zivi-Geld in ein paar kleine Räumchen am Waldrand und nahm alle Bands auf, die irgendwie den Weg zum Studio fanden. Vom 4-Spur-Portastudio bis zum 8-Spur-Schnürsenkel war da noch viel analog und meistens live.

Nebenbei Konzerttechnik, kleine Touren, ein Studium der Medientechnik. In Dresden lernte er dann die elektronische Musik lieben, stieg über Remixe tiefer ins Mastering ein und kam als Werkstudent bei MAGIX mit Sequoia-Nutzern in Kontakt, darunter einige der größten Mastering-Studios der Welt. Den Weg nach Hamburg öffnete Christian Smukal, der inzwischen verstorbene Betreiber der Rückkopplung Hamburg. Über ihn lernte Flo Chris von Rautenkranz kennen, aus einem Praktikum wurde eine Festanstellung:

So durfte ich mich voll und ganz dem Thema widmen und konnte das erste Mal von der Arbeit mit der Musik anderer Menschen meinen Lebensunterhalt bestreiten.

Was man sich im Soundgarden nicht anlesen kann

Gelesen hatte er vorher eine Menge. Das Wissen öffnete ihm zwar die Tür, aber es bereitete ihn nicht auf den Alltag vor:

Das angelesene Wissen konnte nicht darauf vorbereiten, wie es wirklich ist, nach einer durchgearbeiteten Nacht früh um 7 Uhr noch die Quality Control abzuschließen, nachdem der Produzent schon nach Hause gegangen ist und das Label um 8 Uhr die Finals fürs Presswerk braucht, damit die Platten rechtzeitig zur Tour da sind.

Das Wertvollste an den ersten Jahren beschreibt er als eine Art Expressausbildung:

Für viele Aufträge machten Chris und ich interne Shootouts, bei denen wir beide ein Master erstellten und im Anschluss verglichen und darüber sprachen. Ein totales Privileg, denn die Erkenntnisse daraus hätte ich mir niemals anlesen können.

Und nebenbei, schreibt er, habe er dort auch die Wichtigkeit eines guten Kaffees im Studio gelernt.

Remastering von Katalogen, die vielen heilig sind

Die Arbeit an den Katalogen von The Mars Volta und Zeca Afonso beginnt lange vor dem ersten Regler:

Mit maximaler Sorgfalt und so vielen Daten wie möglich! Ganz egal ob analoge Bänder, DATs, CDs, Vinyl, ich verbringe viel Zeit mit dem Sammeln der Quellen und vergleiche intensiv, was sich am besten eignet. Dabei gewinnt nicht immer die erste Formatgeneration.

Sein Verständnis von Remastering ist dabei bemerkenswert zurückhaltend:

Beim Remastering will die tatsächliche Arbeit am Klang nicht erschaffen oder neu erfinden, sondern bestenfalls die originale Produktion etwas befreien. Dank aktueller Technik von Wandlung und Restauration ist zwar vieles möglich, aber natürlich nicht alles nötig.

Solche Großprojekte seien ein spezieller Modus, schreibt er, bei dem sein innerer Jäger und Sammler voll zur Geltung komme.

Mastering unter Linux, und was dort noch fehlt

Die ehrliche Antwort zuerst: ganz umgestiegen ist er noch nicht. Privat und fürs Büro nutzt er Linux seit Jahren, im Studio arbeitet er doppelgleisig. Der Anlass war ganz praktisch, alte Hardware lief unter Windows nicht mehr. Dazu kam etwas Grundsätzliches:

Außerdem fühlte ich mich mehr und mehr von Big Tech gegängelt, mit der ganzen Werbung und den Einschränkungen der Privatsphäre machte das keinen Spaß mehr.

Mit dem Supportende von Windows 10 hat er den Umstieg ausprobiert und in einem fortlaufenden Blog dokumentiert. Viele Projekte hat er inzwischen hybrid abgeschlossen, den Löwenanteil unter Linux. Was fehlt, benennt er genau: ein professioneller Editor mit den nötigen Werkzeugen, mehr Auswahl bei anspruchsvollen Aufgaben wie dem Limiting, und die MERGING-Netzwerkgeräte des Studios bekommt er trotz vorhandener ALSA-Treiber bisher nicht zum Laufen. Seine Bilanz ist trotzdem gelassen:

Vielleicht trifft es das Klischee vom „Year of the Linux Desktop“ auf den Kopf, aber ich habe es damit nicht eilig.

Ein Arbeitsplatz komplett in der Kiste

Flo Siller am Laptop mit Kopfhörern, vor ihm ein Verstärker
Gearbeitet wird fast ausschließlich im Rechner, abgehört über Kopfhörer.

„Recht bescheiden“, sagt er selbst. Er arbeitet komplett im Rechner, analoge Wege hat er über die Jahre getestet, aber nie übernommen. Ausschließen will er eine hybride Zukunft trotzdem nicht, denn echte Knöpfe zu drehen mache schon Spaß.

Stationär steht in Hamburg ein Marius Mainframe als Workstation, unter Windows mit MAGIX Samplitude, unter Linux mit Cockos REAPER. Dazu iZotope RX und Steinberg SpectraLayers Pro. Abgehört wird über ein elektrostatisches Kopfhörersystem von Warwick Acoustics. Für unterwegs und als Backup gibt es ein zweites System: ein Laptop von Digital AudionetworX, In-Ears von 64 Audio und ein kleiner DAC mit Verstärker von Chord Electronics. Der Transparenz halber: Flo ist offizieller Endorser von Chord Electronics.

Warum er fast nur noch auf Kopfhörern mastert

Flo Siller mit geschlossenen Augen und offenem Kopfhörer
Seit fünf Jahren hat er eine Markierung am Verstärker, die ihm die Abhörlautstärke vorgibt.

Viele Jahre hat er mit Boxen und Kopfhörern parallel gearbeitet. Für besuchte Sessions und das Gegenhören von Testpressungen nutzt er bis heute das Soundgarden mit seinen ATC 110SL. Die unbesuchte Arbeit und die Online-Sessions laufen dagegen ausschließlich über Kopfhörer, am liebsten offene elektrostatische.

Ein Detail aus seiner Antwort ist einer dieser Tipps, die man nie wieder vergisst:

Die Abhörlautstärke ist ebenso ein Thema, denn lautes Hören wird dauerhaft problematisch. Ich habe seit gut fünf Jahren eine Markierung am Amp, die mir dabei Halt gibt. Kurz mal lauter und danach wieder leiser hören ist auch wichtig und hilfreich.

Und dann der Satz, der erklärt, warum ein Kopfhörer heute für professionelles Mastering reicht:

Kopfhörer sind portabel, sehr beständig und effizient im Vergleich zum Ausbau eines Raums und der Anschaffung eines Monitorpärchens von vergleichbarer Qualität. Die technischen Fortschritte der letzten Jahre machen es überhaupt erst möglich, mit Kopfhörern auf portablen Systemen statt in traditioneller Umgebung zu mastern.

Woran er merkt, dass ein Master fertig ist

Die Antwort widerspricht dem Bild vom tagelangen Feilen:

Ich jage den Ideen des ersten Eindrucks hinterher und versuche, mich nicht zu lange an einen Klang zu gewöhnen. Da können sich auch schon mal 90 % des Masters in den ersten 5 Minuten ergeben. Nach einer Pause höre ich noch mal frisch und kümmere mich um die letzten 10 %, was dann noch mal um einiges länger dauern kann.

Oft probiere ich auch mehrere Wege und merke dann beim Vergleich im Nachhinein, dass der instinktive, simple Ansatz der bessere war als der elaborierte. Wenn ich dann einfach Start drücke und nicht mehr denke, sondern nur noch den Song höre, ist die V1 bereit fürs Team.

Warum Lautheit kein Qualitätsmerkmal ist

Bei Revisionen, schreibt Flo, werde selten nach mehr Lautheit gefragt. Viel öfter wolle jemand eine dynamischere Version hören. Was ein gutes Master ausmacht, fasst er in einem Bild zusammen, das man sich merken sollte:

Das gute Master nimmt alle Qualitäten der Produktion mit, ohne negative Kompromisse einzugehen. Es gibt dem Mix mit so wenig Eingriffen wie möglich so viel wie nötig mit auf den Weg und verliert den Song nie aus den Ohren. Ich glaube, das gute Master folgt der Intention und rollt den Ball der Produktion weiter vorwärts, nicht seitwärts.

Was planet-friendly im Mastering konkret heißt

„No Music on a Dead Planet“ steht auf dem Shirt im Titelbild, und das ist keine Pose. Flo hat seinen Arbeitsprozess im Hinblick auf den menschengemachten Klimawandel untersucht. Daraus entstand ein Dokument, das im Rahmen einer Masterarbeit an der Popakademie Mannheim weiter ausgebaut wurde. Überall, wo durch seine Arbeit Emissionen entstehen, hat er entweder schonend eingegriffen oder sie bestenfalls auf null gebracht.

Auch hier bleibt er ehrlich:

Leider bin ich aufgrund von Abhängigkeiten wie Mietverhältnissen und Co. noch nicht dort, wo ich gerne wäre. Aber viele Schritte im Sinne des Energieverbrauchs, der Datenverarbeitung, Hardware und Firmenorganisation waren dann doch recht einfach umzusetzen.

Drei Funktionen in OBERTON, die es ohne ihn nicht gäbe

Jetzt der Teil, bei dem wir befangen sind, und wir sagen das dazu. Im Juni 2026 schrieb Flo uns zum ersten Mal. Er hatte unter Linux lange nach einer Alternative zu Wavesfactory Spectre gesucht und war bei OBERTON gelandet. Den Harmonics-Only-Modus nutzte er auf einem Parallelkanal, dosiert per Fader. Das interne Oversampling brachte ihm dabei aber Phasenprobleme ins Spiel, also fragte er, ob man es abschalten könne.

Zwei Tage später gab es den Modus „Off“. Flo kaufte eine Lizenz und schickte die nächsten Wünsche: reine zweite und dritte Harmonische, wie er sie von Kelvin von Tone Projects kannte und unter Linux nur bei den nicht mehr gepflegten Calf-Plugins gefunden hatte. Daraus wurden Pure H2 und Pure H3. Seine Anschlussfrage nach einer pentodenartigen Obertonreihe führte schließlich zum Sättigungstyp Pentode: eine rein ungerade Obertonleiter aus dritter, fünfter und siebter Harmonischer, die sich mit steigendem Drive öffnet, so wie eine Röhrenstufe hart wird, wenn man sie schiebt.

Wir haben ihn gefragt, wie er die drei inzwischen wirklich benutzt. Die Antwort ist ehrlicher, als es uns lieb sein könnte:

Auch wenn es super ist, H2 und H3 pur zur Verfügung zu haben, wähle ich meist doch zwischen Tube (Triode), Tape oder Pentode. Ich entscheide da sehr schnell und im Blindtest-Verfahren. So ein Tool passt entweder zum Song oder eben nicht. Es ist eine super Erweiterung zu meinem Toolkit und wird bei jedem Projekt getestet, ganz egal ob im Harmonics-Only-Modus parallel oder in der Stereokette.

Er hat also zwei Funktionen angefragt, die er heute seltener nutzt als die dritte. Und einen Wunsch hat er auch schon wieder:

Die Gainskala noch etwas masteringfreundlicher einstellen zu können, wäre noch hilfreich. Statt der angezeigten 12 dB wären 3 oder 6 dB hilfreich, das macht feineres Sweeping möglich.

Wir haben es notiert. Und weil Flo nach dem Lesen des Entwurfs Wert darauf gelegt hat, gehört das hier auch noch hin:

Ich nutze das Plugin wirklich gerne, auch wenn meine angefragten Features nicht immer gewinnen.

Was er Einsteigern ins Mastering rät

Sein erster Rat hat nichts mit Technik zu tun:

Auf jeden Fall so viel unterschiedliche Musik hören wie möglich! Ein Gefühl für verschiedene Genres zu entwickeln und zu schulen, ist extrem hilfreich, dadurch wird musikalische Empathie gebildet. Mastering als Auftragsarbeit erschafft nicht im Vakuum und ist immer von der Vorarbeit anderer Menschen abhängig. Ein Ego ist da fehl am Platz, denn es handelt sich nicht um die eigene Musik.

Informationen aus dem Internet solle man eher misstrauen, Kontakt zu einem echten Mastering-Studio suchen und, wenn möglich, ein Praktikum machen. Und dann kommt ein Absatz, der sich gegen einen ganzen Markt richtet:

Leider wird zum Thema Mastering oft ein sehr radikales Eingreifen mit komplexen Tools wie Multiband Dynamics, Imaging und Saturation kommuniziert, gefördert durch sogenanntes „Mastering Assistant“ Machine Learning. Wenn man aber mit einem guten EQ und einem Limiter ein Master erstellen kann, das den Mix verbessert, ist das schon mal ein richtig guter Anfang.

Ein Mastering Engineer, der Sättigung als Werkzeug im Beitrag eines Plugin-Herstellers eher kleinredet. Wir lassen das so stehen, weil es stimmt. Sein letzter Satz gehört dann allen, die gerade anfangen:

Und ganz wichtig bei all dem: immer das Master während der Arbeit lautheitsangeglichen mit dem Mix vergleichen und sich ganz ehrlich fragen, ob es durch das Eingreifen wirklich besser wird. Viel Glück!


Die Fragen hat Flo Siller schriftlich beantwortet. Mehr zu seiner Arbeit auf flosillermastering.com, zum Soundgarden auf soundgarden.de. Seinen Umstieg auf Linux dokumentiert er fortlaufend auf linux-content.org.

OBERTON ist ein Multiband-Sättiger mit parametrischem EQ, sechs Bändern und fünfzehn Sättigungs-Algorithmen, darunter Pure H2, Pure H3 und Pentode. Läuft unter macOS, Windows und Linux. Die Demo hat den vollen Funktionsumfang.